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Darben für die Kunst – in seinen Briefen an die Eltern und Geschwister kommt der Bielefelder Maler Hermann Stenner immer wieder „auf den wundesten aller Punkte“ zurück: „Geld ist der rarste Artikel bei mir.“ 125 Mark bekommt der Kunststudent, eine „Naturbegabung“, monatlich von Verwandten und Gönnern als ein privates Stipendium. Doch in München und in Stuttgart, wenn allein die Studiengebühren sich auf bis zu 40 Mark belaufen, reicht das Geld nicht hin, selbst wenn sich Stenner fürs Abendessen mit einem halben Liter Milch, einem Brot zu 80 Pfennig und ein bisschen Wurst begnügt.Die Eltern bleiben fürsorglich, was nicht nur die Fresspakete mit Wurst und Kuchen bezeugen. Die Wäsche geht ohnehin nach Bielefeld. Geld schicken sie Hermann nach inständigen Bitten immer wieder zu, bis das Bielefelder Malergeschäft, im Schatten der Dürkopp-Werke gelegen, 1912 Einbrüche erlebt.
Selbst der gelegentliche Verdacht, der Sohn würde, lebenslustig, in den Großstädten verludern, kann Stenner glaubhaft zerstreuen. Stolz berichtet er, wie er sich im Fasching eine ganze Nacht mit dem Einsatz von nur 50 Pfennig bestens vergnügt. Und doch fehlt ihm manchmal das Geld für Farben, obwohl er seine Uhr versetzt. Den Eltern gegenüber verschweigt er die Misere nicht, vom Überdruss an seiner Lage, von diesem »Kotzleben« der Not liest man nur im Tagebuch.
Stenners Leben (1891-1914) lässt sich jetzt in den erstmals umfassend vom Bielefelder Freundeskreis des Malers herausgegebenen Briefen nachspüren. Die Kunsthistorikerin Karin von Maur, Spezialisten des Kreises um den Stuttgarter Modernen Adolf Hölzl, dem Stenner angehörte, schildert in Zwischenkapiteln zusammenfassend die Lebensabschnitte mit Blick auf die künstlerische Entwicklung des Bielefelders, nach zeitgenössischem Urteil „der hoffnungsvollste unter allen“ Hölzl-Schülern.
Der Münchner Historiker Markus Pöhlmann umreißt die Zeitgeschichte, aus der die letzten Briefe Stenners stammen – Kriegserklärung, Mobilisierung, Fronterfahrung. Nach einem Kampfeinsatz im Osten im Dezember 1914 ist Stenner verschollen.
Zusammen mit Reproduktionen vieler Schlüsselwerke des Malers, mit fotografischen Dokumenten, Faksimiles und erläuternden Randnotizen bietet das Buch eine lebendige Einführung in Biografie und kunsthistorische Bewertung des bedeutendsten Künstlers, der in Bielefeld geboren wurde. Stenner gehörte mit Willi Baumeister und Oskar Schlemmer zu den viel versprechenden Schüler Hölzls. In unermüdlichem Eifer, der ihn auch bei unfreundlichem Wetter hinaus in die Landschaft zum Schauen, Zeichnen und Malen trieb, schuf er in wenigen Jahren einer raschen künstlerischen Reifung fast 300 Gemälde und mehr als 1.500 Zeichnungen
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Mit wacher Auffassungsgabe schildert Stenner in den Briefen anekdotisch und illustrativ eine Vielzahl von Beobachtungen über Land und Leute. Die wenigen Zeilen an die Stuttgarter Geliebte, die Tänzerin Clara Bischoff, bezeugen Sinnlichkeit in einem Ton, der den Briefen an die Familie naturgemäß abgeht.
Die Briefe aus Meersburg am Bodensee, wohin Stenner sich nach dem aufsehenerregenden Großauftrag einiger Wandgemälde für die Haupthalle der „Werkbund“-Ausstellung in Köln 1914 zurückzog, deuten eine tiefe psychische Krise an. „Manchmal ist es mir, als wenn ich in einer ganz anderen Welt wäre.“ Die Krankheit habe seine Nerven verfeinert. „Ich sehe Dinge in der Natur, die ich sonst nicht sah.“
Künstlerisch konnte Stenner diese Erfahrungen nicht mehr ausarbeiten. Der Krieg nahte. Zeitgeschichtlich aufschlussreich sind die Berichte des „glücklichen Patrioten“, der fürchtet, zu spät an die Front zu kommen, um es den „Schlawinern“ zu zeigen.
Stenner glaubte an den unvermeidlichen deutschen Sieg, nach dem man eine neue Welt ohne soziale Gegensätze aufbauen werde. Die Euphorie des „Augusterlebnisses“ schwand bald nach der Feuertaufe im Argonner Wald, dem ersten Fronteinsatz des Kriegsfreiwilligen im schwäbischen Grenadier-Regiment Nr. 119, „Königin Olga“. Am 6. Oktober gesteht Stenner in einem Brief von der Front, die Kriegsverwüstungen vor Augen: „Mein ganzes früheres Leben ist wie ein einziger wunderschöner Traum, verglichen mit der rauen Wirklichkeit, in der ich jetzt lebe“.
Neue Westfälisch, 29.11.2006
Stenners Briefe vorgestellt
Das Buch „Der Maler Hermann Stenner im Spiegel seiner Korrespondenz, Briefe 1909-1914“, erschienen im Prestel-Verlag, wird heute Abend ab 18.30 Uhr in der Kunsthalle Bielefeld vorgestellt. Aus den Briefen liest der Film- und Fernsehschauspieler Nikolaus Benda. Eine Einführung in Leben und Werk des Malers gibt der Vorsitzende des Freundeskreises Hermann Stenner, der Jurist und Kunstsammler Prof. Hermann-Josef Bunte, der schon verschollen geglaubte Werke des Bielefelders auf Kunstauktionen entdeckt hat.
Das vom Bielefelder Freundeskreis Hermann Stenner und der Stuttgarter Kunsthistorikerin Karin von Maur herausgegebene, 464 Seiten starke Buch wird heute Abend zu einem Vorzugspreis von 25 Euro abgegeben (Buchhandelspreis 29,95 Euro).
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