Hermann Stenner im Krieg
Münchner Historiker recherchierte die letzten Lebensmonate des Bielefelder Malers
  Texte

 

Mit dem bekannteren August Macke teilt der aus Bielefeld stammende Maler Hermann Stenner das gleiche Schicksal. Beide kamen 1914 in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs um.

Stenner wurde bei den Angriffen auf die Stadt Llow in Russisch-Polen - "verlustreiche, durch Hunger, Durst und Kälte aufreibende Tage" meldet die Regimentsgeschichte - seit dem Morgen des 5. Dezember vermisst. Im Auftrag des Bielefelder Hermann-Stenner-Freundeskreis hat der Münchner Historiker Markus Pöhlmann die letzten Lebensmonate Stenners als Soldat erkundet.

Pöhlmann nutzt dafür die Briefe Stenners. Der Künstler - geboren 1891, neben Peter August Böckstiegel der bedeutendste Maler der Klassischen Moderne aus Ostwestfalen-Lippe - hatte, seit er zum Studium zuerst nach München aufgebrochen, dann nach Stuttgart zu dem namhaften Adolf Hölzl weitergezogen war, engen brieflichen Kontakt nach Bielefeld zur Familie und zu seinen Gönnern gehalten. Pöhlmann wird diese Briefe insgesamt im Auftrag des Freundeskreises im Herbst nächsten Jahres herausgeben, sie gäben nicht nur einen einzigartigen Einblick in die künstlerische Entwicklung Stenners, sondern "in die Organisation des Alltags eines Künstlers im frühen 20. Jahrhundert".

Stenner hatte sich, ungedient bis dahin, wie viele junge Männer leichtfertig in der patriotischen Stimmung des "Augusterlebnisses" schon am 7. August 1914 freiwillig zum schwäbischen Grenadier-Regiment Nr. 119 "Königin Olga" gemeldet. Vom Krieg erwarteten manche eine

Vitalisierung des Lebens, eine martialische Medizin gegen "Erschlaffung und Überkultur" der langen Friedenszeit seit 1871. Stenner setzte auch die Hoffnung in den Krieg, dieser werde die gravierende soziale Ungleichheit der wilhelminischen Gesellschaft einebnen.

Reiche Leute, so schreibt er in einem Brief vom 9. August 1914, legten sich ein Band mit einem roten Kreuz um den Arm, stifteten einige hundert Mark und glaubten, damit ihr Scherflein für die Dauer des Kriegs gegeben zu haben, und in den Stuttgarter Vororten herrsche das bitterste, grimmigste Elend. "Vielleicht muss es nun wirklich mal erst ein wenig schlecht gehen?"

Aller patriotische Überschwang hatte vor der unausdenkbaren Realität dieses neuartigen Kriegs mit seinen Stellungskämpfen, mit Artillerie-Dauerbeschuss und mit Gasangriffen bald ein Ende.

Stenner, der bis dahin in seinen wenigen jungen Jahren mit fast 300 Gemälden und mehr als 1.500 Arbeiten auf Papier bereits ein immenses Werk geschaffen hatte, kam im Kriegsgeschehen gearde nur einmal dazu, ein Selbstbildnis in Uniform aufs Papier zu zeichnen. Die "Feuertaufe", wie es der Kriegsjargon gemütvoll nannte, erhielt er im Argonner Wald. Am 6. Oktober gesteht er in einem Brief, die Kriegsverwüstungen vor Augen: "Mein ganzes früheres Leben ist wie ein einziger wunderschöner Traum, verglichen mit der rauen Wirklichkeit, in der ich jetzt lebe."

Neue Westfälische, 03.12.2004

Mehr finden Sie hier (PDF-Dokument, 1,84 MB)

   
  Texte